Buchpremiere Son Lewandowski: Die Routinen

Foto © Maximilian Goedecke

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AUSVERKAUFT!


Buchpremiere mit Son Lewandowski
Eine Veranstaltung des Literaturhaus Köln

Ein Gummibärchen essen, heute den Arm, morgen ein Bein – was wie ein Scherz klingt, ist Amiks Alltag. Die junge Leistungsturnerin lebt für den nächsten Wettkampf, das nächste Gramm weniger, den perfekten Sprung.
Mit schonungsloser Präzision erzählt Son Lewandowski in ihrem Debütroman Die Routinen (Klett-Cotta) von Disziplin und Zerbrechlichkeit, von weiblicher Selbstbehauptung in einem System, das glänzt und zugleich verschlingt. Mit Johannes Franzen spricht sie über Körper, Kontrolle und den Preis der Perfektion.

She is only sixteen years old, denke ich mit der Stimme des Hallensprechers, der bei deinem Einlauf in die Halle dein Alter bestaunt hatte, als wärst du die Erste, die es erlebte. Ich kannte dieses Ritual gut. Mit jedem Wettkampf nahmen die Sprecher ein Mädchen, hoben es heraus und riefen es in das steilgesetzte Publikum, vergaßen die Nachnamen, nannten sie Mädels, kommentierten ihre Körper, die Turnanzüge, die Frisuren, freuten sich laut über jedes Bild, das sie vorausgesehen hatten. Du bist erst sechzehn Jahre alt.

Der Körper, Maschine. Der Kopf, ruhig gestellt. Amik ist eine Turnerin, wie es sie seit Jahrzehnten gibt. Von Nadia Comăneci in den 1970er- bis zu Simone Biles in den 2010er-Jahren. Sie alle waren bis zu ihrem Karrierehöhepunkt nicht bloß talentierte, fleißige Kinder, sondern Erfolgsversprechen für ihre Trainer. Son Lewandowski erzählt anhand von Amik und den realen Turnerinnen der Weltspitze das brutale System des Turnsports. Zuerst sind sie noch kleine Mädchen, laufen lachend im Handstand mit den Händen auf den Füßen ihrer Trainer durch die Halle. Später, angefeuert durch den näher rückenden Erfolg, etablieren sich nicht nur strenge Regeln, sondern auch verschiedene Formen von Gewalt. Kein Hinterfragen erlaubt. Schmerzen, Grenzen und Bedürfnisse werden ignoriert. Nur folgsamer Gehorsam gilt. Beziehungen sind fragil, und selbst auf den eigenen Körper ist nicht mehr Verlass, wenn sich dieser langsam, aber unaufhaltsam verändert: von dem kleinen Kinderkörper hin zu einem zu großen, zu starken, zu runden. Aber seit Jahrzehnten gibt der Erfolg den Trainern und ihrer Manipulation recht. Denn: Nur Druck erzeugt Diamanten.

Veranstaltungspartner: Klett-Cotta, FWT: Freies Werkstatt Theater Köln

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